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Tokei-Ihto
22:28

Man könnte nun sagen: Das ist zwar alles nicht schön, aber letztlich sind es doch nur Wörter. Ich denke, es wäre fatal, die Mächtigkeit von Neusprech zu unterschätzen, denn unsere Sprache formt unser Denken. Sie ist eines der wichtigsten Mittel, um unsere politische Meinung zu beeinflussen und damit auch unsere Entscheidungen. Wie kann man sich also gegen Neusprech wehren?

Ich habe maha diese Frage gestellt, als ich einmal das Vergnügen hatte, ihn für die taz zu interviewen: Er empfahl zum einen, in Gesprächen auf die Fragwürdigkeit von Begriffen hinzuweisen, und im besten Fall ein inhaltlich korrekteres Wort zu verwenden. Die Erfindung eigener Gegenbegriffe sah er etwas zwiespältig, er riet auf jeden Fall dazu, präzisere Wörter zu verwenden. Die Vergangenheit zeigt, dass dies durchaus wirkungsvoll sein kann:

Seit 1999 werden in Deutschland Wahlcomputer zur Stimmerfassung verwendet, 2005 erstmals im großen Umfang bei einer Bundestagswahl. Die verwendete Technik wurde allerdings lange Zeit als „Wahlmaschine“ oder „Wahlgerät“ bezeichnet, was den Eindruck einer simplen mechanischen Vorrichtung erweckt. Tatsächlich handelte es sich dabei jedoch um Computer, die genau wie alle Computer auch Fehler machen und gehackt werden können. Der CCC verwendete daher bei ihrer Kritik stets die Bezeichnung „Wahlcomputer“, die schnell von Justiz und Medien übernommen wurde. 2009 wurden Wahlcomputer vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig erklärt.

Hier gibt es eine Diskrepanz: Wieso reden wir im Fall von „Wahlcomputern“ nicht von Neusprech? Auch wenn er korrekter ist, ist „Wahlcomputer“ doch ebenfalls ein Begriff, der die öffentliche Meinung beeinflussen will. Noch stärker kann man dies an reißerischen Wortschöpfungen wie „Nacktscanner“ oder „Bankster“ sehen. Ich war zunächst der Ansicht, dass diese Wörter nicht als Neusprech bezeichnet werden können, da Neusprech sowohl in „1984“ als auch aus der Sicht des Neusprech-Blogs die Sprache der Mächtigen und Regierenden ist. Doch was ist mit Begriffen, die von Lobby-Gruppen geprägt werden? Gehören sie zu den Mächtigen oder nicht? Auch der CCC kann als Lobby-Gruppe bezeichnet werden, wo zieht man also die Grenze?

Schwierig einzuschätzen ist auch die Stellung des Journalismus: Zum einen ist die Presse zwar der Hauptverbreitungsweg für das Neusprech der Mächtigen, andererseits greift sie ebenso dankbar griffige Wörter aus dem Netz oder von Aktivisten auf. Vor allem aber entscheiden Journalisten, welche Wörter sie benutzen und können selbst welche erfinden.

Neusprech – Wie man ohne Argumente überzeugt | Elfenbeinbungalow
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